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Die Charaktere der Wasserspuren

Verborgenes Wasservolk

Spurensuche ins Blaue der 100 Jahre verschlossenen Welt.

Gisela Ruby/Norbert Gruber

Foto: Heimo Binder 
Foto: Heimo Binder


Der janusköpfige Silberfisch am Blauen Türl

Das Blaue Türl öffnet sich nur alle 100 Jahre. Am 22. März war es wieder soweit. Wer durch das Türl schreitet, den erwarten unbekannte Schätze auf der anderen Seite, die sich dem unbefangenen Besucher zeigen.
Behütet wird dieser Eingang von dem Silberfisch "für" und dem Silberfisch "wider". Dies sind die beiden Ratgeber der Wasserweisen vom Orakelquell, sie wurden entsandt, um den Besuchern zu raten. Die Zwei sind im Disput darüber, ob nun das Eintreten durch das Blaue Türl ratsam sei, oder nicht.
Der janusköpfige Silberfisch motiviert zum Durchschreiten der Tür, aber er rät den ankommenden Zuschauern auch zur Vorsicht.

Foto: Heimo Binder 
Foto: Heimo Binder

Der Wettermacher

Der Wettermacher sammelt sein Wissen um das Wetter in den Tautropfen des Frühlings, den Mustern vertrockneter Rinnsale im Sommer, aus windgekräuselten Wasserspiegeln im Herbst, im dampfenden Nebel über Bächen und Seen im Winter.
Daraus kann er günstige Bedingungen für sein Wettermachen ablesen.
Einmal im Jahr muss er der Herrin des Wassers Ehre erweisen und in ihren Kreis der Jahreszeiten treten, dann liest er aus dem Buch und bittet um ein weiteres Jahr mit Wasserwissen.

Das Moosbertl

Das Moosbertl ist eine verstorbene Seele im Wasserfall. Es ist auf der Suche nach seiner eigenen Geschichte, die ihm davongeschwommen ist. So wurde es zum Meister im Erkennen von Geschichtenströmungen, die im Wasser an ihm vorüberziehen. Es kann einzelnen Geschichten folgen, sie herausfischen und findet so sprühende, tümpelnde, tropfnasse, glucksende, Meeres-, Teich- und Seegeschichten. Diese verwebt es zu Musik und schickt sie seiner Enkelin, dem Nachtahnl, und allen, die verstehen zu lauschen.

Foto: Heimo Binder 
Foto: Heimo Binder

Die Wasserweise vom Orakelquell

Aus den Untiefen des Wassers steigt die Wasserweise vom Orakelquell am 22. März empor, um ihren Weisheiten Wort zu geben.
Trifft man in dieser Nacht auf sie, kann es sein, dass man mit einem Spruch beschenkt wird. Heute, so heißt es in aller Wasser Munde, werde sie im Botanischen Garten den Suchenden Orakel sprechen.
Sie erscheint alt und jung, hässlich und schön wellig weich und Gischt sprühend. Die Kunst ist es, sie in jeder ihrer Gestalten zu erkennen. Sieht man sie lächeln, kann das ein ganzes Jahr Glück bedeuten.

Die Herrin des Wassers

Die Herrin des Wassers besitzt das unglaubliche Wissen um das "Wasserwetter". Sie hat so viele verschiedene Stimmungen, wie es Wasser gibt, ob in gefrorener, dampfender, bewegter, fließender, sprudelnder, blubbernder, triefender, tröpfelnder, rieselnder, wogender, wallender Form. Jede dieser Eigenheiten ist ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens und sie erklingen in Harmonie, wenn sie uns mit ihren Reichtümern beschenkt.
Ihre Hofdamen, die vier Jahreszeiten, tanzen nach ihrer Musik, sind ungezähmt, aber der Herrin des Wassers absolut untergeben und ihre engsten Vertrauten.

Foto: Walter Spätauf 
Foto: Walter Spätauf

Melissa Frühling

Am Wegesrand strömt
Vom Quell das klare Wasser
Durch Weidenschatten.
            Boncho (gest. 1715)

Reichtum an Wasser, schmelzen und tauen,
Erfrischend, das kühle Nass,
Hervorbrechende Kraft- sprießen und wachsen,
Schalkhaft sprühende Ideen.

Susi Sommer

Vom Regen gebeugt
Verengen Weizenhalme
Den schmalen Feldweg.
         Joso (1661-1704)

Wasser wird wertvoll, kühlendes Bad,
Sommergewitter, geballte Gewalt,
Ebbe und Flut,
Prasselnde Strömung.

Foto: Walter Spätauf 
Foto: Walter Spätauf

Rosetta Herbst

Von fern und nahe
Hör ich den Sturzbach rauschen:
Der Fall des Laubes!
                    Basho (1644-1694)

Taunasses Gras, noch barfuss manchmal,
Dampfende Erde,
Nebelgeschwängerte Luft.
Wilde Winde wirbeln Wasser,
Boten der Nacht,
Aufgewühler Fluss.

Walpurga Winter

Zum Gang am Abend
Der Abschiedsgruß des Jahres:
Das leise Schneien
              Shara (Mitte 17 Jhdt.)

Erstarrt, vereist, klirrend kalt,
Zurückgezogenes Wasser,
Verborgene Macht,
Glitzernde Klarheit, Atemnebel,
Krachendes Eis, Tränen in Augen,
Eisblumen-blau.

Foto: Walter Spätauf 
Foto: Walter Spätauf

Wasserweib und Wassermann

Da ihr Heimgewässer im Winter zufriert, ziehen das Wasserweib und der Wassermann mit Sack und Pack auf die nächstgelegene Gartenbank.
Am trockenen Land, fern ihrer Flussbetten, können sie nicht in gewohnter Weise miteinander "Sprechen" und sie werden daher sehr reizbar und äußerst streitlustig. Sie liegen sich in der Wolle, nicht auf einer Welle, anstatt sich zu berieseln, staubt es ihnen zu den Ohren raus.

Das Nachtahnl

Das Nachtahnl wäscht die Wäsche der Verstorbenen und hängt sie zum Trocknen ins reinigende Mondlicht. Das klare Licht des Mondes soll die Wäsche von bösen Geistern befreien.
Ihr Großvater, das Moosbertl vom Wasserfall, versorgt sie mit immer strömendem Wasser und den darin enthaltenen Geschichten. Sie sammelt ihre Lieblingsgeschichten in Gläsern und versucht schon mal neue daraus zu mischen.

Foto: Heimo Binder 
Foto: Heimo Binder

Die Nixe Undine

Die Nixe Undine hat eine Menschengestalt und eine Seele errungen, doch alle sieben Jahre muss sie zu ihren Leuten, dem Wasservolk, kommen und ihnen berichten, wie es ihr die Jahre über bei den Menschen ergangen ist. So sammelt sich das Wasservolk dieses Jahr im Botanischen Garten und lauscht unter anderm ihrem Bericht.
Nach "Der Nixe Nachtgesang" werden sie neu entscheiden, ob sie weitere sieben Jahre bei den Menschen verweilen darf oder zurück in ihr Ursprungselement, dem Wasser, kommen muss.

Das Lahnwaberl

Zu Lebzeiten war das Lahnwaberl eine Zauberin und herrschte auf ihrem Schloss. Doch eines Tages wurde sie weggespült, da ein Gast vergessen hatte, den Wasserhahn abzudrehen. So entstand die Lahn.
Mit ihrem Schlüssel, den sie immer bei sich trägt, ist das Lahnwaberl seit jener Zeit auf der Suche nach ihrer einstigen Behausung, die möglicher Weise doch irgendwo angeschwemmt wurde.

Foto: Heimo Binder 
Foto: Heimo Binder

Der Wasserwächter

Der Wasserwächter weiß: "es ist nicht der Fluss, der fließt, es ist das Wasser" und seinen Spuren folgt er.
Heute hat er sich hier eingefunden, weil ihm zu Ohren kam, dass die Wasserweise im Botanischen Garten auftauchen soll, und er möchte unter keinen Umständen versäumen, ihren Spruch zu hören.
Als Angehöriger des Menschenvolkes hat er sein Leben dem Wasser verschrieben. Er testet und behütet es, wacht darüber und lauscht ihm - wo immer er kann.