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Ökologische Auswirkungen

Sämtliche Maßnahmen des naturnahen Wasserbaus sowie der Gewässerrenaturierungen bewirken eine ökologische Verbesserung der Gewässer und deren Auen. Durch die Verzahnung der Lebensräume und durch die gegenseitige Abhängigkeit der darin lebenden Tiere und Pflanzen (Nahrungskette) sind die Auswirkungen noch weitaus vielschichtiger.
Die Sicherstellung der Flächen durch Ankauf, besonders von Auen verhindert eine gewässernahe Verbauung, erhält vorhandene Retentionsräume und dient damit dem passiven Hochwasserschutz.

 

Viele der aquatischen Lebensräume lassen sich nicht technisch herstellen - bauliche Maßnahmen dienen lediglich zu deren Initiierung. Die Ausformung ist anschließend von der Dynamik des Wassers und von Sukzessionsvorgängen abhängig. 

 

Beispiel Hochwasserschutzmaßnahme im Siedlungsraum mit Strukturierungselementen (Hochwasserschutz Kainach, Voitsberg):

Die Herstellung eines Uferschutzes aus rau verlegten Wasserbausteinen mit Kurzbuhnen erzeugt eine strukturierte Uferlinie mit Nischen, welche als Einstände für Fische und als Jungfischhabitate dienen. Oberhalb der Wasserlinie leben und überwintern Würfelnattern in den Hohlräumen zwischen den Steinen und profitieren ihrerseits wieder vom verbesserten Nahrungsangebot (Fische). Durch den Ankauf eines an den Fluss angrenzenden Grundstückes im dicht verbauten Gebiet und durch die Absenkung dieser Fläche kann sich der Fluss auf 150 m dynamisch entwickeln. Hier entwickelten sich flache Ufer mit einer kleinräumigen Au.

 

Flussbettaufweitung mit strukturierten Ufern und fischpassierbarer LobmingbachmündungAufweitungsbereich bei Krems in Steiermark nach Bauumsetzung 2012Aufweitungsbereich bei Krems in Steiermark Entwicklungstand 2015Bildung einer weichen Au, Aufweitung bei Krems in Steiermark, 2015Flache Ufer als JungfischhabitatWürfelnatter

Auswirkungen EU-geförderter Renaturierungsprojekte an steirischen Fließgewässern auf den Artenschutz

In den 90ern des letzten Jahrhunderts hat man verstärkt begonnen, geeignete Bereiche an regulierten Fließgewässern wieder zurückzubauen bzw. zu renaturieren. EU-Fördergelder können dafür im Rahmen des LIFE-Programms in Anspruch genommen werden, wenn die Maßnahmen zur Verbesserung von Lebensräumen in Externe Verknüpfung Natura 2000-Gebieten vorgesehen sind. An der Grenzmur zu Slowenien wurden Renaturierungsprojekte im Rahmen der Externe Verknüpfung INTERREG und ETZ-Programme, welche der Förderung von Grenzregionen dienen, umgesetzt. Insgesamt wurden bisher 10 Projekte an Mur, Enns, Lafnitz sowie zur Verbesserung des Biotopverbunds im Ausseerland aus Mitteln der europäischen Union gefördert.

Renaturierungsprojekte in der Steiermark - Übersicht © A14 (2015)
Renaturierungsprojekte in der Steiermark - Übersicht
© A14 (2015)

Beispiele für Renaturierungsmaßnahmen an Fließgewässern sind

  • Flussbettaufweitungen, um die Bildung von Kies- und Sandbänken zu ermöglichen
  • Entfernung der Ufersicherungen zur Ausbildung natürlicher Ufer
  • Wiederanbindung der Altarme an den Hauptstrom oder Initiierung von neuen Seitenarmen
  • Herstellung der Passierbarkeit für Fische und andere aquatische Organismen,
    Wiederanbindung der einmündenden Seitenbäche und Nebengewässer. Es wird der Niveauunterschied im Einmündungsbereich ausgeglichen, der durch die Eintiefung der Sohle des Hauptgewässers entstanden und für die Unpassierbarkeit für Fische und andere aquatische Organismen verantwortlich ist
  • Revitalisierung verlandeter Autümpel bzw. Schaffung von Neuen
  • Sicherung und Entwicklung von Aulebensräumen

Bei der Durchführung der geförderten Projekte sind die Projektwerber verpflichtet, den Erfolg der Maßnahmen zu dokumentieren. Naturgemäß profitieren Tiere und Pflanzen von der Wiederherstellung oder Initiierung selten gewordener Lebensräume. Für alle Natura 2000-Gebiete liegen Listen zu den entsprechenden „Schutzgütern" auf, das sind im jeweiligen Gebiet vorkommende gefährdete Tier- und Pflanzenarten aus der Fauna-Flora-Habitat (FFH)- und der Vogelschutz (VS)-Richtlinie. Im Zuge der LIFE-Projekte und in diesem Fall auch für die Projekte an der Grenzmur wurden Monitorings für ausgewählte aussagekräftige Tiergruppen und Lebensräume vor und nach Umsetzung der baulichen Maßnahmen durchgeführt. Die angeführten Tier- und Pflanzenarten dieses Beitrages sind den entsprechenden Monitoringberichten entnommen.

Im Ennstal hat sich der Fischotter als Schutzgut der betroffenen Natura 2000-Gebiete seinen Lebensraum wieder zurückerobert. Er durchstreift je nach Nahrungsangebot ausgedehnte Gebiete, was es schwierig macht, den Erfolg der LIFE-Maßnahmen für den Fischotter in Zahlen zu fassen (Kranz & Poledník 2012). Ungeachtet dessen profitiert er von Maßnahmen, die die Lebensräume seiner Beutetiere fördern. Das sind in erster Linie Fische, aber auch Frösche, die er im Winter aus ihren Erdverstecken ausgräbt. Die Weibchen ziehen ihre Jungen abseits des Flusses an Stillgewässern auf, sodass dem Erhalt bzw. der Revitalisierung von Altarmgewässern und Tümpeln eine große Bedeutung zukommt.
Am Paltenspitz, einem ca. 5 ha großen Renaturierungsgebiet am Zusammenfluss von Palten und Enns, konnten wieder Fischarten wie Flussbarsch, Elritze und Giebel, welche strömungsberuhigte Zonen bevorzugen, festgestellt werden. Das Ukrainische Bachneunauge findet hier seine bevorzugten Habitate mit Totholz und feinen sandigen Ablagerungen vor (Wiesner et al. 2010). Auch gefährdete Vogelarten wie z. B. der Eisvogel und der Flussuferläufer wurden dort beobachtet (Haseke 2011). Letzterer brütet auf Schotterbänken und ist sehr störungsempfindlich.
Man erhofft sich vom derzeit laufenden Projekt, dass die Leitfischart der Enns, die Äsche, neue Laichplätze in den neuen Flussbettaufweitungen und Seitenarmen finden wird. Am Nebengewässer Ardningbach wurden die Sohlstufen im Mündungsbereich entfernt. Diese stellten bisher für die Begleitfischart und das Schutzgut Koppe ein unüberwindbares Wanderhindernis dar, weshalb sie aus den oberen Bachabschnitten verschwunden ist. Durch die Rückkehr der Koppe würde sich der fischökologische Zustand von Stufe 3 (mäßig) auf Stufe 2 (gut) für diese Zonen verbessern (Parthl & Woschitz 2012).
Bei der Planung und der Errichtung von neuen Amphibientümpeln wird besonders Rücksicht auf die Bedürfnisse von gefährdeten Amphibienarten genommen (Mairhuber 2012). Der Alpen-Kammmolch möchte für die Eiablage besonnte Teiche mit einer mindestens 200 m² großen Wasseroberfläche und einer gut entwickelten Unterwasservegetation vorfinden, während die Gelbbauchunke vegetationsarme, seichte Kleingewässer in einer hohen Dichte bevorzugt. Grundsätzlich gilt für alle Amphibien, dass die Gewässer frei von Fischen sein sollten, da Larven und Kaulquappen von diesen gefressen werden.

Die Äsche, namensgebende Leitfischart der Äschenregion der Enns sowie der oberen MurUkrainisches BachneunaugeFischotter
Bei den zahlreichen Maßnahmen der LIFE-Projekte an der Oberen Mur stehen die Bedürfnisse der Fische und besonders die des Huchens im Vordergrund. Er ist der größte sich reproduzierende Fisch in dieser Region und profitiert als Raubfisch von allen Maßnahmen, die seine Beutetiere - andere Fischarten - fördern. Es wird berichtet, dass neu geschaffene Seitenarme von Junghuchen, aber auch anderen Jungfischen als Lebensraum gut angenommen werden. In sogenannten Totarmen und Buchten konnten zusätzlich Fischarten nachgewiesen werden, die strömungsberuhigte Zonen besiedeln, wie z. B. Donaugründling, Hecht und Laube (Wiesner et al. 2011).
Auf von Hochwässern regelmäßig überfluteten Flächen haben sich der Typ der gehölzfreien und der weichen Au wieder eingestellt. Die Lavendelweide, die wichtigste Art des gefährdeten Lebensraumes „Alpine Flüsse mit Ufergehölzen von Lavendelweide", ist zurückgekehrt und hat neue Bestände ausgebildet.
Besonders erwähnenswert ist das Auftreten des stark gefährdeten und hoch spezialisierten Uferreitgrases, das nur auf Schotterbänken vorkommt (Stipa 2007).
Huchenlaichgebiet in den neuen Nebenarmen der St. Peterer Au an der oberen Mur
HuchenNebenarmsystem der St. Peterer AuNeu angelegter Nebenarm

An der Mur entlang der Grenze zu Slowenien wurde die flächenmäßig größte Maßnahme in der Steiermark - die Aufweitung von Gosdorf - umgesetzt. Das Ziel ist, der fortschreitenden Eintiefung der Mur entgegenzuwirken. Durch die Entfernung der Ufersicherungen der Mur und die Schaffung eines 1 km langen Seitenarmes wurde Geschiebe für die Dotierung der Gewässersohle der Mur mobilisiert. Die Monitorings belegen, dass viele schützenswerte Tierarten vom neu geschaffenen Lebensraum in diesem Natura 2000-Gebiet profitieren. Bei Hochwasser ist dieser Bereich eine wichtige Rückzugsmöglichkeit für Fische, bei normalen Abflussverhältnissen sind strömungsberuhigte Zonen besonders für Jungfische sowie untergetauchte Totholzstrukturen als Winterhabitate für alle Fischarten attraktiv. Im gesamten Maßnahmengebiet an der Grenzmur konnten 12 gefährdete und seltene Fischarten der FFH-Richtlinie wie z. B. Kesslergründling, Steingressling und Streber nachgewiesen werden (Wiesner & Pinter 2009).

Neuer Nebenarm der Mur bei GosdorfEntstehung natürlicher Ufer mit Totholzstrukturen Steile Anbruchufer mit SchotterbänkenEntwicklungszone eines weichen Auwaldes in häufig überfluteten Bereichen

Für die Vogelfauna sind die Aufweitungen als Bruthabitate und als Rastplätze für Zugvögel von Bedeutung (ÖKOTEAM 2010). Der Eisvogel baut seine Bruthöhlen in Steilwände und nützt über das Wasser hängende Äste als Ansitz zur Jagd. Flussregenpfeifer und Flussuferläufer wurden auf den Schotter- und Kiesbänken in den Aufweitungen gesichtet. An regulierten, mit Blocksteinen gesicherten Murufern gibt es derartige Lebensräume nicht mehr.
Die dynamisierten Mur- und Saßbachufer der Maßnahme Gosdorf sind für die Laufkäferfauna von nationaler Bedeutung (Ökoteam 2010). Viele Laufkäferarten sind mitteleuropaweit hochgradig gefährdet und aktuell mit nur einzelnen österreichischen Vorkommen belegt. Die 4 verschiedenen hier nachgewiesenen Handläufer-Arten (Dyschirius spp.) benötigen sandig-schlammige und vegetationsfreie Ufer, die durch die entsprechende Dynamik fortwährend neu geschaffen werden. Ahlenläuferarten (Bembidion spp.) wiederum besiedeln Prallufer mit hohem Lehmanteil, wie sie in der Maßnahme Gosdorf vorkommen.
Bei den festgestellten Libellenarten zählen 5 von 11 Arten zur anspruchsvollen Lebensgemeinschaft der Flussuferbewohner (Gomphus-Calopteryx splendens-Zönose). Die Flussufer-Wolfsspinne ist an naturnahe Schotterflächen gebunden und wurde in Gosdorf erst das zweite Mal für die Steiermark nachgewiesen (ÖKOTEAM 2010).
Immer mehr Menschen zieht es in die naturnahen Lebensräume an den Gewässern. Dieses Interesse ist sehr positiv, kann jedoch zu Problemen für störungssensible Tier- bzw. empfindliche Pflanzenarten führen. Für Besucher wurden in Gosdorf durch Wegeführung, Aussichtsturm, Info- und Rastplätze attraktive Bereiche erschlossen, um für die Schutzgüter einen ungestörten Lebensraum zu sichern.

Literaturverzeichnis

HASEKE, H. (2011): Final Report LIFE05 NAT/A/000078 Naturschutzstrategien für Wald und Wildfluss im Gesäuse, Nationalpark Gesäuse GmbH, Weng im Gesäuse. 100 S.

KRANZ, A. & POLEDNÍK, L. (2012): Fischottermonitoring im Zuge von Life+ Enns. Prämonitoring 2011-2012. Bericht im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung, FA 13C Naturschutz, Graz. 31 S.

MAIRHUBER, C. (2012): „Flusslandschaft Enns" Life+ Prämonitoring & Vorgaben f. Maßnahmen: Tierwelt, Ersatzflächen für die Maßnahme B.4 Walchenbach. Bericht im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung, FA 13C Naturschutz, Graz. 27 S.

ÖKOTEAM (2010): Zoologisches Postmonitoring in Aufweitungen der steirischen Grenzmur. Vögel, Laufkäfer, Libellen. Zwischenbericht im Auftrag des Amts der Steiermärkischen Landesregierung, FA 19B Schutzwasserwirtschaft und Bodenwasserhaushalt, Graz. 30 S.

PARTHL, G. & WOSCHITZ, G. (2012): Life+ „Flussraumentwicklung Enns". Prämonitoring Fischökologie. Bericht im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung, FA 13C Naturschutz, Graz. 43 S.

STIPA (2007): LIFE-Natur Projekt „Inneralpines Flussraummanagement Obere Mur", Waldökologisches Monitoring. Bericht im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung, FA 13C Naturschutz, Graz. 62 S.

WIESNER, C. & PINTER, K. (2009): Fischökologisches Monitoring der Maßnahmen im Unteren Murtal (Interreg) - Endbericht. Studie im Auftrag des Amts der Steiermärkischen Landesregierung, FA 19B Schutzwasserwirtschaft und Bodenwasserhaushalt, Graz. 24 S.

WIESNER, C., UNFER, G., KAMMERHOFER A. & JUNGWIRTH, M. (2010): Naturschutzstrategien für Wald und Wildfluss im Gesäuse - Postmonitoring Fischökologie. Studie im Auftrag des Amts der Steiermärkischen Landesregierung, FA 19B Schutzwasserwirtschaft und Bodenwasserhaushalt, Graz. 32 S.

WIESNER C., DANIELOVSKY, N. & SCHWARZMAYR, A. (2011): Inneralpines Flussraummanagement Obere Mur - Fischökologisches Prämonitoring. Bericht im Auftrag des Amtes der Steiermärkischen Landesregierung, FA 19B Schutzwasserwirtschaft und Bodenwasserhaushalt, Graz. 18 S.